Segler-Verein Stössensee e.V.

Segeln auf der Sonnenseite der Havel

Mit ihren blauen Ordnern prägen die Hafenhandbücher des DSV das Bild nahezu jeder Bordbibliothek eines Fahrtenseglers. Für den Bereich Ostsee erschien im Juni vergangenen Jahres das neue „Hafenhandbuch Ostsee II“*. Es stellt jetzt die aktuelle Basis für alle zukünftigen Berichtigungen dar. Ein erster Berichtigungssatz wird für April 2017 erwartet.

Aus unserer Sicht ist das „Hafenhandbuch Ostsee II“ für den Yachtgebrauch nicht empfehlenswert.

Was führt uns zu diesem Urteil?

Wir haben uns das Handbuch angesehen und einiges gefunden, was der Aktualität nicht entspricht (Beispiel: neuer Yachthafen in Kolberg nicht verzeichnet), Fehler enthält (Beispiel: Hanko, Lage neuer Molen nicht angegeben) sowie sogar einige Informationen, die eine Gefahr für die Schiffssicherheit darstellen können (Beispiel: Nynäshamn, falsche Lage und Bezeichnung von Untiefentonnen, Hafenmole nicht dargestellt). Wir haben deshalb begründete Zweifel an der Zuverlässigkeit und der Aktualität dieses Grundwerkes. Dabei mussten wir feststellen, dass zwischen vollmundigen Ankündigungen und deren tatsächlicher Umsetzung eine erhebliche Lücke klafft.

Brauchen wir überhaupt eine „Amtliche nautische Veröffentlichung“ „Hafenhandbuch Ostsee II“? Diese Frage beantwortet die Webredaktion mit einem eindeutigen „Ja“. Sie fordert deshalb Herausgeber und Verlag auf, das Handbuch gründlich zu überarbeiten, es zu modernisieren und zu aktualisieren und es damit wieder zu einem zuverlässigen Standardwerk unserer nautischen Bibliothek zu machen!

Des Weiteren empfiehlt die Webredaktion dem Verlag, die Printversion des Berichtigungssatzes zum Einsortieren in das teure Grundwerk aufgrund der bestehenden Mängel kostenlos abzugeben.

Lesen Sie weiter unten die ausführliche Rezension!

*(Hafenhandbuch Ostsee II Grundwerk 2016“, Amtliche nautische Veröffentlichung …, herausgegeben vom Deutschen Seglerverband in Kooperation mit dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie 2016, erschienen am Juni 2016 im Delius Klasing Verlag, ISBN 978-3-88412-496-3, 78,00 € mit Ordner)

 

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 Yachthafen Kolberg, Mai 2016

 

Ausführliche Buchrezension „Hafenhandbuch Ostsee II“

Welcher Fahrtensegler hat sie nicht, die Hafenhandbücher des DSV? Mit ihren blauen Ordnern prägen sie das Bild jeder Bordbibliothek. Für Irritationen sorgten deshalb im Jahr 2015 Informationen, nach denen es bei der Herausgabe des „Hafenhandbuches Ostsee II“ Probleme gegeben habe. Umso erfreulicher war daher die Nachricht des Erscheinens einer neuen Version im Juni 2016. Diese als „Grundwerk“ bezeichnete Fassung ist die gegenwärtig aktuelle und dient u.a. zur Vorbereitung und Durchführung der diesjährigen Törns. Sie ist weiterhin die Basis für zukünftige Berichtigungen.

Zitat: „Die Hafenhandbücher aus dem DSV-Verlag sind ein zuverlässiger Begleiter für alle Wassersportler. Für die aktuellen Ausgaben wurde so gründlich recherchiert, dass für die Bände … Ostsee II die Nachträge als komplett neue Grundwerke ausgeliefert wurden, weil auf fast jeder Seite Aktualisierungen vorgenommen wurden.“ So in der Information der DSV Segel-Service GmbH und der Verlagsleitung Buch des Delius Klasing Verlages vom 21. Juni 2016 zum Erscheinen des Grundwerkes.

In dessen Vorwort heißt es von Herausgeber und Verlag: „… Die in den Plänen und Texten der Sportboothäfen vorgenommenen Änderungen basieren auf Vor-Ort-Recherchen der Redaktion und Seglermeldungen aus der Segelsaison 2015.“

Man durfte also gespannt sein auf ein aktuelles und zuverlässiges Werk, zumal für den stolzen Preis von 78,00 € (mit Ordner). Grund genug für uns, ungeachtet eines angekündigten Updates, das neue Grundwerk genauer anzuschauen:

Bereits das Titelblatt vermittelt den Eindruck von Kompetenz und Zuverlässigkeit:

„Amtliche Veröffentlichung in Zusammenarbeit von:

Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie, Deutscher Seglerverband, Deutscher Motoryachtverband, Gefördert von der Kreuzer-Abteilung des Deutschen Segler-Verbandes.“

Und weiter im Impressum: “Das Qualitätsmanagement erfolgt durch die DSV Segel-Service GmbH in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie…“

Schlägt man das Handbuch auf, ist der Eindruck eher ernüchternd: Im Grunde blieb alles beim Alten.

Eine durchaus wünschenswerte Grunderneuerung hat es nicht gegeben. Nach wie vor schlägt einem der Hauch vergangener Jahrzehnte entgegen. Hinweise auf das Vorhandensein von Hafen-WLANs oder GPS-Daten zur Ansteuerung sucht man vergebens.

Begrüßenswert ist der angeführte Redaktionsschluss kurz vor Drucklegung. Über das Datum schweigt sich die Redaktion jedoch aus, so wie es im gesamten Werk weder bei den einzelnen Texten noch Bildern Hinweise zum Erstell- oder Aktualisierungsdatum gibt.

Leider macht sich das Handbuch unter den Hinweisen weitgehend selbst entbehrlich: „Die Hafenbeschreibungen … ermöglichen es der Besatzung einer Besucheryacht, sich bei ihrer Törnplanung ein Bild von den örtlichen Gegebenheiten zu machen. Sie dienen jedoch ausschließlich der allgemeinen Orientierung.“
Wozu braucht man dann eine „amtliche nautische Veröffentlichung“?

Wie aktuell, wie zuverlässig ist das vorliegende Grundwerk?

Die positive Nachricht: Es hat in der Tat Aktualisierungen gegeben! Wobei wir unter dem Begriff Aktualisierung inhaltliche Berichtigungen und/ oder Ergänzungen verstehen.

Der Feststellung des Verlages und Herausgebers im Vorwort, dass es in diesem Sinne fast auf jeder Seite Aktualisierungen gegeben habe, können wir nicht folgen. Änderungen sind in diesem Umfang zwar erfolgt, sie umfassen jedoch überwiegend solche redaktioneller Art oder des Layouts.

Betrachten wir hinsichtlich der Aktualität und Zuverlässigkeit beispielhaft einige Vorbemerkungen und Hafenbeschreibungen. Die Liste könnte leider erweitert werden:

  • Die Länderspezifischen Vorbemerkungen sind in Gänze überarbeitungsbedürftig. Die Zollvorschriften sind zu überprüfen und zu vereinheitlichen, gleiches gilt für Grenzformalitäten. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Basis dieser Texte noch aus der Zeit vor Beitritt Polens und der baltischen Staaten zur EU stammt.
    Im Vergleich zu Dänemark oder Schweden sind die Informationen zu Litauen, Lettland und Polen außerordentlich sparsam.
  • Im Gegensatz zu den Sperrgebieten an der polnischen Küste wird auf das Sperrgebiet nördlich von Liepaja nicht hingewiesen
  • Nexö (DK-VIII-15)
    „Liegeplätze: Yachten liegen nur im Gamle Bassin … längsseits und an Heckbojen“.
    Richtig müsste es heißen: Sportboote liegen im nördlichen alten Becken und im Becken 2 an Heckbojen (Anm.: seit 2015). Diese sind im Hafenplan auch eingetragen. Ein Hinweis auf die Sanitäranlagen im Bereich des Beckens 2 fehlt. (vgl. hierzu Hafenlotse des NV Verlages „Lübecker Bucht …, Ausgabe 2015)
    Auf die mangelnde Übereinstimmung zwischen Luftbild und Karte wird unter „Bildmaterial“ hingewiesen.
  • Swinemünde (PL01)
    Die Grenzabfertigung an der Ostmole gibt es seit 2014 nicht mehr.
  • Kolberg (PL-04)
    Die Hafenangaben sind nicht aktuell, die Ausweisung der Baustelle 2013 ist nicht nachvollziehbar, vermutlich hat es sie auch nicht gegeben.
    Ein neuer Yachthafen mit zahlreichen Liegeplätzen wurde 2015 südwestlich des vorhandenen Beckens fertig gestellt und 2016 zur Nutzung übergeben. Der Bereich der neuen Marina wird durch den Hafenplan nicht abgedeckt. Der alte Hafen steht jetzt ausschließlich Klubmitgliedern zur Verfügung.
    Die Planungen für die neue Marina waren in dem vorherigen Werk bereits bekannt, eine Nachrecherche hat nicht stattgefunden.
  • Leba (PL-I-07)
    Ein Hinweis auf das westlich der Einfahrt vorgelagerte Naturschutzgebiet fehlt. Ein Durchfahren / Abkürzen wird kostenpflichtig geahndet.

  • Halbinsel Hel
    Das in der Gebietsübersicht Zatoka Gdanska (Danziger Bucht) eingetragene Naturschutzgebiet ist in den amtlichen Seekarten nicht verzeichnet und vermutlich nicht existent.
    Auf die Möglichkeit, die Sperrgebiete zwischen Hel und der Sperrgebietsgrenze zu passieren, wird nicht verwiesen (Vgl. hierzu Jörn Heinrich: Küstenhandbuch Polen und Litauen, Delius Klasing Verlag 2005). Auf die Quellen zu den Sperrzeiten haben wir bereits oben verwiesen.
  • Klaipeda (Li-01)
    Die blaue Markierung zu möglichen Liegeplätzen verweist auf Häfen, die im Text als gesperrt bezeichnet sind.
  • Liepaja (LV-01)
    Es fehlt der Hinweis auf den erforderlichen Anruf bei der Port Control vor Ein- und Auslaufen. Entgegen der Markierung im Hafenplan kann der Hafen auch problemlos über den Südeingang angesteuert werden.
  • Möntu (EE-01a)
    Der Hafenplan – ungeschützte Liegeplätze – entspricht nicht dem aktuellen Stand. Yachten finden hinter einer Betonmauer gute und geschützte Liegeplätze.
  • Hanko (FI-15)
    Hanko ist ein stark frequentierter und bedeutender Yachthafen in Finnland und dient als Ausgangspunkt zu der Fahrt in die Alands. Aus diesem Grund ist hier insbesondere eine korrekte Angabe der Gegebenheiten erforderlich.

    Zur Erweiterung der Steganlagen wurde eine Schäre nordöstlich von Smultongrund beseitigt und neue Molen östlich und westlich aufgeschüttet. Die neu entstandenen Steganlagen wurden bereits im Sommer 2015 von Yachten benutzt.

    Unabhängig, ob Hanko von SW oder SE angesteuert wird, stellt sich dem Schiffsführer insofern bereits ab Sommer 2015 eine völlig abweichende und nicht mit der im Handbuch übereinstimmende Situation dar.
    Es steht zu befürchten, dass durch diese Fehlinformation für den mit Hanko nicht vertrauten Yachtführer die Schiffssicherheit durch Irritation bei der Ansteuerung gefährdet wird.
  • Nynäshamn (SE-IV-15)
    Nynäshamn ist ein stark frequentierter und bedeutender Yachthafen im südlichen Stockholmer Schärengarten.
    Der dargestellte Ausschnitt des Yachthafens ist falsch gewählt. Er zeigt zwar die für Gastlieger unbedeutenden Liegeplätze für Kleinboote, nicht aber die zur Ansteuerung aus Norden essentiell wichtige Hafenmole, deren Kopf bis in Höhe der eingezeichneten Bake reicht, und die umfahren werden muss. Eine auf Basis des Lageplans vermutete Ansteuerung von Norden direkt zu dem nördlichen Anleger führt zielsicher auf die Mole.

    Die Lage der Untiefe 0,7 ist nicht korrekt. Sie befindet sich weiter nordwestlich und ist durch weiße Bojen gekennzeichnet.

Auch hier sind wir der Meinung, dass durch die inkorrekte und unvollständige Darstellung die Schiffssicherheit einer von Norden kommenden Yacht gefährdet wird.

Hinsichtlich der korrekten Darstellung verweisen wir auf den „Törnführer Schweden“ von Gerti und Harm Claußen, erschienen Januar 2016 im Verlag Delius Klasing.

Zum Bildmaterial:

Der überwiegende Teil des Bildmaterials dürfte älter als 10 Jahre sein. Selbst wenn das dem Anspruch auf Aktualität widerspricht (s.o.), ist gegen die Verwendung alter Bilder grundsätzlich nichts einzuwenden (wünschenswert wäre allerdings eine Angabe zu dem Aufnahmedatum).

Erhebliche Bedenken haben wir jedoch, wenn

  • sich die Küstenlinie wesentlich verändert hat (Beispiel hierzu das Luftbild Swinemünde: die bewaldete Küste im Bereich des Ölhafens gibt es nicht mehr, mittlerweile bestimmen auch weiße Öl-/Gastanks die Vertonung)
  • oder Bildinhalte und Hafenplan nicht zur Deckung gebracht werden können (Beispiel hierzu Nexö: das Bauwerk südlich der südlichen Mole im Bereich der Hafeneinfahrt gibt es seit längerem nicht mehr).

Bei dem Hafenbild von Hel musste Bildbearbeitung herhalten: nicht mehr vorhandene Stege wurden wegretuschiert. Wie man das wertet, mag jeder Nutzer für sich entscheiden. Die Mühe hat man sich allerdings z. B. bei Nexö (s.o.) nicht gemacht.

Der Webredaktion stellt sich die Frage, warum man während der o.a. Vor-Ort-Recherche keine aktuellen Bilder gefertigt hat.

Resümee:

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine gründliche Recherche – wenn überhaupt – nur partiell durchgeführt wurde. Inhalte wurden nicht mit anderen öffentlich zugänglichen Quellen, selbst nicht mit denen des eigenen Verlagshauses, abgeglichen. Eine Qualitätskontrolle, sollte es sie denn gegeben haben, hat offensichtlich versagt. Wir sehen begründete Zweifel an der Zuverlässigkeit und Aktualität dieses Grundwerkes und ein deutliches Missverhältnis zwischen Anspruch und Handbuchwirklichkeit.

Für die Aufnahme in die Bordbibliothek kann es deshalb nicht empfohlen werden.

Ein Nachsatz zur Aktualisierung: „Der erste Berichtigungssatz für das Hafenhandbuch Ostsee II soll voraussichtlich am 7. April 2017 erscheinen – "vorausgesetzt, der DSV liefert rechtzeitig.“ (mündl. Auskunft des Verlages vom 16. März 2017).

Unsere Vermutung: Der angekündigte Berichtigungssatz dürfte im erheblichen Umfang die Korrektur von Bearbeitungsmängeln enthalten. Wir würden uns daher dringend wünschen, dass der Verlag die Printversion zum Einsortieren in das teure Grundwerk kostenlos abgibt.

Die Webredaktion hat diesen Beitrag mit seiner Veröffentlichung

  • dem Deutschen Segler-Verband e.V.,
  • der Delius Klasing Verlag GmbH,
  • der Kreuzer-Abteilung des Deutschen Segler-Verbandes e.V.,
  • dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie und der
  • der Qualitätsmanagement-System-Leitstelle/DSV Segel-Service GmbH

mit der Bitte um Stellungnahme zugesandt, wobei wir insbesondere nach den Verantwortlichkeiten und der Durchführung des Qualitätsmanagements gefragt haben.

 

Nachtrag: Die Ergebnisse unserer Kritik finden Sie unter:

Hafenhandbuch Ostsee II: vom Kurs abgekommen - ein Kommentar
Hafenhandbuch Ostsee II: DSV sitzt Kritik aus
Hafenhandbuch Ostsee II: in der Warteschleife
Hafenhandbuch Ostsee II


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