Seesegeln

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Wie viel Wasser muss man eigentlich auf eine Atlantiküberquerung mitnehmen?

Nun bei einer Strecke von rund 2000 sm bei durchschnittlich 5,5 kn macht das rund 15 Tage auf See. Bei vier Personen a 1,5 l Wasser am Tag also 60 Flaschen, was 90 l Trinkwasser entspricht.

Mit dieser Rechnung und

weiteren Aufgaben ging die Einkaufscrew ans Werk. Nach einigen Stunden kehrten sie dann stolz mit mehreren Einkaufswagen zurück. Dabei viele Wasserflaschen, aber auch wirklich 60?

Das Nachzählen wurde aus Zeitgründen abgetan und man beschloss, dass im Notfall das fehlende Wasser aus den bordeigenen Tanks genutzt werden kann. Die Boreal 52 ist werftseitig mit mehreren Tanks ausgerüstet in denen man bis zu 1,4 Tonnen Wasser bunkern kann. Zusätzlich noch ein Wassermacher der mit Hilfe von 230 V Wechselspannung aus Salzwasser Süßwasser machen kann. Und wenn alles nicht mehr funktioniert, dann kann man noch das Regenwasser aus den Lazy-Bags des Großsegels abzapfen.

Also kein Problem.

Es kann losgehen. 10. Januar 2017. Die Wasser- und Dieseltanks sind gefüllt. Die EPIRB wurde auch noch angeschraubt und das liebevoll vorgekochte Essen gebunkert. Schnell wurde noch der letzte Teller Cachupa heruntergeschlungen, da hieß es auch schon Leinen los!

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Die CHEGLIA in Mindelo

Kurs 240°, zwischen Santo Antao und Sao Vicente hindurch und dann am Südkap der Insel in Richtung West.

Ein erfahrener Skipper erzählte mir, dass es hier durch die Windeffekte sehr rau werden kann. Es wäre besser nur mit kleinem Vorsegel heraus zu segeln.

Aber für eine Boreal kein Problem. So setzen wir bereits im Vorhafen Vollzeug und segelten seelenruhig der Achterbahn entgegen.

Die Crew

Die Crew

Nach wenigen Stunden hingen wir dann bei 38 Knoten Wind im Inseleffekt von Santo Antao und kämpften mit der aus dem Ruder laufenden CHEGLIA.

Nachdem man eingesehen hatte, dass es besser ist Abstand von der Insel zu gewinnen steuerten wir nun wieder in Richtung Süd. Das Wetter wurde besser und so konnten wir bald wieder auf Kurs Karibik gehen.

Der Wind kam nun sehr achterlich und es wurde heiß diskutiert welche Segelstellung denn die beste für diesen Kurs wäre. Mit ausgebaumten Groß und Genua ging es voran, jedoch nicht genau auf der Kurslinie, was zu weiteren Diskussionen führte.

Die Angel wurde ausgebracht und nach einigen Fehlversuchen auch einige Goldmakrelen gelandet.

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Lorenz und die Goldmakrele

Dabei sind natürlich einige Blutspritzer auf dem Kunstteak gelandet, die nach dem Massaker akribisch weggeschrubbt werden mussten. Auch hier wurde heiß diskutiert, ob man nicht direkt aus dem Fisch die Filets schneiden kann, ohne ihn vorher auszunehmen. In welchem Meer schwimmen eigentlich die Fischstäbchen rum?

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Goldmakrele an Kartoffelstampf und Rote Beete Talern

Das Flaschenwasser ging nun langsam zur Neige und so bedienten wir uns aus den riesigen Wassertanks. Da stellte sich nun das nächste Problem. Anstatt die Frischwassertanks zu füllen, wurden an Land aus Versehen die Abwassertanks gefüllt. Es war also nicht genug Frischwasser an Bord um über den Teich zu kommen. Ist das schon ein Seenotfall?

Noch nicht. Auch dafür gibt es ja Gerätschaften. Der Wassermacher kann durch eine Umkehrosmose aus Salzwasser Süßwasser machen, welches direkt in die Tanks gepumpt wird. Dieses besonders effiziente Exemplar benötigt dafür lediglich 230 V und damit einen extra Stromgenerator der aus Diesel Strom macht.

So starteten wir die Gerätschaften und das gleichmäßige Brummen bedeutete Entwarnung.

Nach einiger Zeit verstummte das Geräusch und im Display des Stromgenerators hieß es nur „Öldruckfehler“. Oh oh…

Nachdem der Generator akribisch beäugt wurde und man mit Hilfe der Bedienungsanleitung auch rausgefunden hatte, dass auch dieser Verbrennungsmotor einen Ölmessstab besitzt stellt sich ein erheblicher Ölmangel des Gerätes heraus. Also so wenig, dass nicht einmal mehr der Messstab benetzt wurde.

Nach dem Auffüllen des Motoröls und dem gerade noch vermiedenen Kolbenfresser und somit verbundenen Seenotfall ging es weiter.

Frisches Wasser. Aber warum schmeckt es nach Plastik? Leider stellte sich jetzt auch heraus, dass die Werft die Frischwassertanks mit einer „Lebensmittelfarbe“ eingepinselt hatte, die nun seelenruhig im Frischwasser aushärtete. Da kam mir die Idee meinen extra für Südamerika gekauften Kohlefilter zu testen. Und es funktionierte. Das nach Plastik schmeckende Wasser wurde wieder genießbar. Puh!

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Der Gerät

Nachdem das existenzielle Problem gelöst wurde stellte sich für den ein oder anderen ein weiteres Problem. Entertainment. 15 Tage (360 Stunden) auf See, 4 Männer, ein Schiff. Nachdem über Gott und die Welt philosophiert wurde, war es dann doch auch schön den einen oder anderen Film auf dem Notebook zu gucken. Dafür musste jedoch der Wechselrichter beansprucht werden, der aus den 12 V Bordnetzspannung 230 V Wechselspannung für das Notebook Netzteil liefert. Ein etwas ineffizienter Weg wie der Skipper beschloss, da erst aus 12 V DC 230 V AC gemacht werden und dann wieder durch das Netzteil 19 V DC.

Dazu kam noch, dass bereits im Hafen die Startbatterie kaputt gewesen war und wir nun mitten auf dem Atlantik diese rausklemmen mussten und so die Servicebatterien zum Motorstarten und für die restliche Elektronik benutzt wurden.

Normalerweise ist dies getrennt. So kann, wenn man nicht darauf achtet, die Bordelektronik die Servicebatterien leersaugen und hat immer noch die Möglichkeit mit der Startbatterie den Motor zu starten und so mit der Lichtmaschine die Batterien wieder zu füllen.

Dies war also nicht mehr der Fall. Aus Angst davor, oder aber auch aus anderen Gründen, wurde nun der Strom sanktioniert und damit das Laden der Notebooks untersagt, was zur erheblich schlechter Laune des einen oder anderen Crewmitglieds führte.

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Der Wind wurde immer schwächer und wir beschlossen die Segel zu wechseln. Der riesige Parasailor wurde ausgepackt und zog uns nun fortan in Richtung Karibik. Tagelang trimmte der Skipper höchstpersönlich das Tuch, sodass fast eine Art Regattastimmung aufkam.

Waren wir nicht am Trimmen, so genossen wir die fast unendliche Zeit mit guter Musik zum Rhythmus der Wellen. Ganz besonders eignete sich dabei der 6/8-Takt von Pink Floyds –  Shine On You Crazy Diamond I. Probiert es aus!

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Der Parasailor

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Der Sonne hinterher….

Nach einer guten Woche war nun die CHEGLIA mit Salz bedeckt und es wurden Scherze darüber gemacht doch einmal in einen Squall zu segeln, damit das Deck wieder sauber wird.

Bei einem Squall handelt es sich um eine große dunkle Wolke, die starken und sprunghaft drehenden Wind und Regen mit sich bringt. Man versucht normalerweise diesen Wolken aus dem Weg zu gehen.

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Ein Sqall auf dem Radar

Durch ein lautes Schlagen des Großsegels wurde ich geweckt. Mit einem Auge konnte ich durch das Deckenfenster im Salon sehen wir die CHEGLIA mehrere Patenthalsen machte. Dazu das laute Fluchen des Skippers. Zum Glück war der Großbaum durch den Bullenstander festgebunden, sonst wäre mehr als nur das Deck entsalzt worden.

Weitere Sorgen machte uns das Getriebe des Motors. Leider ließ sich die Welle während des Segelns nicht stoppen und so drehte diese tagelang mit. Das davon ausgehende Geräusch wurde immer schlimmer und so entschieden wir uns die Welle manuell fest zu setzen. Dabei war wieder einmal Kreativität gefragt!

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Der Herr Ingenieur legt selbst Hand an

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Kräfteumlenkung und so…

Da jedoch wieder Flaute eingetreten war und der Motor benutzt werden musste, wurde alles zurückgebaut. Das jetzt vom Getriebe erzeugte Geräusch hörte sich nun mittlerweile nach Selbstzerstörung an und ich bat den Skipper doch noch mal genauer nach zu sehen.

Nach einer gründlichen Inspektion stellte sich heraus, dass das Getriebe nur noch an einer von vier Schrauben am Motor befestigt war und diese letzte Schraube auch noch in den letzten Windungen des Gewindes hing. Es war also kurz davor sich komplett vom Motorblock zu trennen. Nachdem alle vier Schrauben, welche im Laufe der Zeit bereits im Motorraum gefunden wurden, jedoch nicht zugeordnet wurden, wieder angeschraubt waren konnte der Motor wieder in Betrieb genommen werden.

Wir erreichten den Hafen Rodney Bay auf St. Lucia nach 2183 sm in 15 Tagen und feierten dies ausgiebig auch wieder Land unter den Füßen zu haben.

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Eine Atlantiküberquerung, nichts für Anfänger!


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